Anonyme Felder
"Die Kultur eines Volkes erkennt man daran, wie es mit seinen Toten umgeht."
Charles de Gaulle
Anonyme Beisetzungen sind heutzutage kein Einzelfall. Bundesweit ist die Anzahl dieser Bestattungen in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Besonders in Großstädten ersetzen anonyme Grabfelder, Urnenwände oder Rasenfelder ohne Bepflanzungsflächen die traditionellen Familiengräber. Häufig stehen dahinter finanzielle Gründe. Viele Angehörige können damit jedoch nur schwer umgehen, weil Ihnen ein Ort zum Trauern fehlt. Der nachträgliche Wunsch nach einer individuellen Grabstätte oder nach dem Ablegen von Symbolen machen das urmenschliche Bedürfnis der Trauerbewältigung deutlich. Der Besuch am Grab ist auch heute noch ein wichtiger Teil der Trauerbewältigung. Eine gepflegte Grabstätte steht als ein dauerhaftes Zeichen menschlichen Tuns und Daseins. Menschen brauchen das Grab, vielleicht noch dringender als früher, als die einzige begreifbare Antwort auf die Frage, die Trauernde weit stärker als früher beschäftigt: Wo sind unsere Toten?
Geschichte der anonymen Beisetzung:
Die Entwicklung der anonymen Bestattung hat in Deutschland zweierlei Ausgangspunkte genommen. In Schleswig-Holstein fanden, wohl unter skandinavischem Einfluss, schon 1950 kleinste Anfänge statt - damals wurden sie wenig beachtet. Anonyme Bestattungen fanden aber zunehmend Verbreitung, besonders in den Großstädten. Nach wie vor zeigt sich allerdings ein starkes Nord-Süd-Gefälle, denn in Baden-Württemberg und Bayern ist die Rasenbeisetzung wenig verbreitet. Konfessionelle Fragen spielen eine wichtige Rolle. Ebenso wie die Feuerbestattung ist auch das Rasengrab in protestantischen Regionen deutlich verbreiteter als in katholischen. Zum anderen waren die anonymen Beisetzungen in der ehemaligen DDR üblich. Vielerorts hat sich ein hoher Anteil an anonymen Beisetzungen hier halten können. Recherchen der Mitteldeutschen Zeitung ergaben, dass zum Beispiel in Halle und Magdeburg jeder dritte Verstorbene anonym beigesetzt wird.
Warum anonyme Bestattung?
Die heutige schnelllebige Zeit brachte es mit sich, dass der Arbeitsort häufiger wechselt und damit auch der jeweilige Wohnort. Die Bindung an einen festen Ort, der "Heimat", geht verloren. "Warum soll ich mich nicht anonym beisetzen lassen? Wenn meine Familie aus beruflichen Gründen wegziehen muss, bleibt keine Verpflichtung zur Grabpflege zurück."
Folge des häufigen Umziehens ist auch ein Rückgang familiärer Bindungen. Die Gesellschaft vereinsamt zunehmend. Zurückgebliebene Familienangehörige kapseln sich bereits zu Lebzeiten ab. In den Großstädten wird dies zusätzlich durch die anonyme Lebensweise gefördert. Solche allein lebenden Menschen, fühlen sich vergessen. "Wenn sich schon zu Lebzeiten keiner um mich kümmert, wer soll dann später meine Grabstätte pflegen?"
"Ich möchte niemanden zur Last fallen", auch dass ist ein häufig genannter Grund derer, die sich für eine anonyme Grabstätte entscheiden. Das schlechte Gewissen ihren Angehörigen gegenüber, auch nach ihrem Tode, Arbeit und Kosten zu verursachen, lässt sie diesen Entschluss fassen.
Sicherlich ist der Tod kein angenehmes Thema. Der Gedanke sich schon zu Lebzeiten mit dem Tod, der eigenen Bestattung und gar einer Grabgestaltung zu beschäftigen kommt für einige Menschen nicht in Frage. Sie verdrängen ihn aus ihrem Bewusstsein. Eine herkömmliche Grabstätte ist für diese Menschen das Sinnbild des Todes.
In vielen Fällen sind in den vergangenen Jahren die Kosten für einen Grabstättenerwerb angestiegen. Eine Doppelgrabstelle oder größere Familiengrabstätten, wie sie früher üblich waren, können sich manche Menschen nicht mehr leisten. Sie müssen sparen und entscheiden sich für eine anonyme Grabstätte. Ursache dieser Kostenexplosion ist, dass vielerorts die Friedhöfe für eine größere Anzahl an Beisetzungen ausgelegt waren. Diese blieben allerdings aus. Doch die nicht genutzte Fläche muss von den Friedhofsmitarbeitern mit gepflegt werden. Die entstehenden Kosten werden auf die verbleibenden Beisetzungen umgelegt.
So unterschiedlich wie der Mensch, so verschieden sind auch die Beweggründe für eine anonyme Bestattung. Doch sollte sich jeder der Tragweite einer anonymen Beisetzung bewusst sein. Die Entscheidung für eine anonyme Grabstelle bedeutet, dass es keinen festen Ort geben wird, um der Toten zu gedenken. An ihr Dasein wird nichts erinnern. Ist das menschenwürdig?
Bedeutung für Hinterbliebene:
Das Grab ist der Treffpunkt der Familie. Die anhaltende Zuwendung zu dem Verstorbenen drückt sich in der individuellen Gestaltung und Pflege des Grabes aus. Das Grab ist der Ort der sozial akzeptierten Trauer. Ohne Grabstätte werden die Hinterbliebenen um einen wichtigen Teil ihrer Trauerarbeit gebracht. Anonyme Bestattung betrifft in erster Linie die noch Lebenden!
Erfahrungsbericht (1): Susanne
Demmer steht weinend an einer Rasenfläche auf dem Friedhof.
Die 53-jährige trauert um ihre verstorbene Mutter. Eine
Trauer die keinen Ort hat. Kein Grabstein, kein
Blumenschmuck weisen auf die letzte Ruhestätte der Mutter
hin.
Susanne Demmer kann nur ahnen, wo ihre Mutter vor knapp
einem halben Jahr beigesetzt wurde. "Meine Mutter hat immer
gesagt, wenn sie stirbt, möchte sie mir keine Umstände
machen und hat per Testament eine anonyme Bestattung
verfügt", erzählte Susanne Demmer traurig. Damals habe sie
sich über die Verfügung ihrer Mutter keine Gedanken gemacht.
Das bereut sie heute: "Nachdem die Leiche meiner Mutter im
Krematorium verbrannt wurde, war die Beisetzung der Urne nur
noch ein Verwaltungsakt." Nur zu gerne würde sie einen
Blumengruß an der Stelle niederlegen, an der ihre Mutter
tatsächlich beigesetzt wurde. "Auch viele Freunde und
Verwandte haben sich nach der genauen Stelle erkundigt", so
Susanne Demmer. Bei der zuständigen Friedhofsverwaltung
versuchte sie diese Information zu bekommen: "Vergeblich.
Zum einen wurde der genaue Beisetzungsort von der
Friedhofsverwaltung nicht bekannt gegeben und zum anderen
wurde ich darauf hingewiesen, dass das Ablegen von Blumen
verboten sei." Die Entscheidung ihrer Mutter ist nicht mehr
rückgängig zu machen. Für Susanne Demmer ist das eine
Belastung, mit der sie nur sehr schwer umgehen kann: "Ich
lebe ständig mit dem Gefühl, meine Mutter unwürdig
beigesetzt zu haben und wünsche mir einen Ort für meine
Erinnerung und meine Trauer."
Unsere kostenlose Service-Rufnummer
0800 / 15 16 17 0
Erfahrungsbericht (2): Günther Naum
ist Journalist eines Seniorenmagazins. Hin und wieder wird
er von Bekannten gebeten, ihnen in Sterbefällen zur Seite zu
stehen und notwendige Formalitäten zu erledigen. Vor kurzem
wurde Herr Naum von einer guten Freundin, Angelika Kirsch,
angesprochen. Ihr Mann war am Vortag verstorben. Sie
erklärte ihm, dass ihr Mann und sie sich gegenseitig
versprochen hätten sich anonym beisetzen zu lassen. Der
Überlebende solle nicht wissen wo der Verstorbene seine
letzte Ruhestätte gefunden hat. Bevor Günther Naum alle
Formalien erledigte, erkundigte er sich, ob ihr Ehemann
wirklich anonym beigesetzt werden soll. Frau Kirsch bejahte
dies, da sie das gegenseitige Versprechen nicht brechen
wollte. Am Tage der Beisetzung fragte er ein letztes Mal, ob
es bei der anonymen Beisetzung bleiben soll. Doch Frau
Kirsch hielt an Ihrem Entschluss fest. Die Urne wurde
anonym, d.h. ohne die Anwesenheit von Angehörigen,
beigesetzt.
Bereits zwei Wochen nach der Beerdigung rief Angelika Kirsch
ihren Bekannten an und bat ihn, sich zu erkundigen, wo genau
ihr Mann beigesetzt wurde. Sie brauche einen Ort an dem sie
ihre Trauer verarbeiten kann. Leider musste Herr Naum ihr
erklären, dass die Friedhofsverwaltung den Ort der
Beisetzung nicht bekannt gibt und die Urne auch nicht in
eine andere Grabstelle umgebettet werden kann. Seither
bereut Sie Ihren Entschluss zutiefst und sagt: "Ich würde
nie wieder jemanden anonym beisetzen lassen".
Die Friedhofssatzung verbietet in den meisten Fällen, Blumenschmuck auf einem anonymen Grabfeld abzulegen. Hintergrund ist der erhöhte Arbeitsaufwand bei Mäharbeiten auf den Rasenflächen. Lediglich an der Gemeinschaftsstele, soweit sie vorhanden ist, dürfen Sträuße, Schalen oder Gestecke niedergelegt werden.
Das Bedürfnis, nach dem Tod einem lieben Menschen noch nahe sein zu können, mit ihm zu sprechen, etwas ablegen und hinterlassen zu können ist groß. Die Angehörigen haben Blumen auf das Grabfeld gestellt, obwohl die Friedhofssatzung es nicht gestattet.
Gemeinschafts- stele: nur hier darf Blumen- schmuck abgelegt werden.
Wie beschrieben, ist es den Angehörigen nicht gestattet, Blumenschmuck auf den anonymen Grabfeldern niederzulegen. Daher suchen sie eine andere Form, wie sie ihre Zuneigung und Fürsorge den Verstorbenen gegenüber ausdrücken können. Sie errichten am Rande der anonymen Felder so genannte Ersatzgrabstätten. Dies zeigt eindrucksvoll, dass Verlangen der Hinterbliebenen nach einem festen Ort der Trauer, einer individuellen Grabstätte. Im Folgenden sehen Sie einige Beispiele für Ersatzgrabstätten:
"Für meine Mama und Schwiegermutter Lore"
"Martina - In Liebe Mama und Papa"
Wort zum Sonntag vom 19.11.1994:
Ein leeres Rasenfeld. Kein Stein, kein Kreuz, kein Name
zeigt, dass Menschen hier begraben liegen. Das gibt es immer
mehr auf unseren Friedhöfen, liebe Zuschauerinnen und
Zuschauer:
ANONYME BESTATTUNG.
Ich weiß: Wer namenlos beerdigt wird, hat das zu Lebzeiten
selbst bestimmt und so gewollt. Klar, es gibt ja Gründe:
manche haben niemanden mehr. Auch die Kosten für die
Bestattung spielen eine immer größere Rolle. Aber vor allem
die Einstellung:
"Ich will doch niemanden zur Last fallen."
Ich versteh´ das alles. Und ich find´s trotzdem nicht gut.
Kein Mensch ist doch so gering, dass er von sich denken
darf: "Nichts soll an mich erinnern."
Wie wir mit Sterben und Tod und dem Begräbnis umgehen, sagt eben viel darüber aus, wie wir leben, wie wichtig uns andere Menschen sind und wie wertvoll mein Leben ist. Ein ordentliches Grab hat deshalb für mich etwas mit Menschenwürde zu tun.
Nicht dass wir uns falsch verstehen: Ich will ja nicht, dass wir Pyramiden errichten wie für eine ägyptischen Pharao. Es gab und gibt um Tod und Beerdigung viel Prunk und Unnützes. Da sind wir zum Glück nüchterner geworden, gerade als Christinnen und Christen. Der Gott des Lebens will ja keinen Totenkult. Und die Liebe der Hinterbliebenen misst sich nicht an einem teuren Sarg oder an aufwendiger Grabpflege.
Aber: Ins andere Extrem zu verfallen, überhaupt keinen Ort zu haben zum Trauern, das ist auch verkehrt. Wer kein Grab will, der versucht, glaube ich, Schmerz zu vermeiden. Ein Grab ist ja das deutlichste Zeichen, dass ein Leben zu Ende gegangen ist, dass ich Abschied nehmen muss. Trauern tut weh. Und das können wir nicht verhindern.
Das Grab ist vielleicht der Ort, wo ich diesen Schmerz auch zulassen kann, wo es mir niemand übel nimmt, wenn die Tränen fließen. Trauern ist nicht mit der Beerdigung erledigt, das dauert Wochen und Monate, manchmal Jahre.
Wir brauchen diesen Ort für uns: um innezuhalten, um loszulassen, um uns zu erinnern. Wenn ich am Grab stehe, dann fühle ich noch mal Glück und Last mit dem Menschen, der mir nahe war. Mir wird klarer, was mit mir geht von dem, was wir gemeinsam erlebt haben. Vielleicht kann ich verzeihen, endlich. Und mich freigesprochen fühlen von dem, was zwischen uns offen blieb.
Natürlich weiß ich, dass Gräber Menschen auch festhalten können. Dass sie gebannt zurückschauen und dabei erstarren. Dieser Zusammenhang von Nicht-Loslassen-Können und Erstarren wird am Anfang der Bibel ganz drastisch ausgemalt. Da ist eine Frau, die kann ihren Blick nicht von der Vergangenheit abwenden und da erstarrt sie zu einer Säule, wird zur "Salzsäule". Sie schaut zurück, ist geradezu gebannt von Leid und Tod der Menschen, mit denen sie zusammengelebt hat. Dadurch wird sie unfähig, ihren eigenen Weg weiterzugehen. Vielleicht kennen Sie die Geschichte von Lot´s Frau.
Also: Gräber sind wichtig. Aber nicht weil sie uns auf die Vergangenheit festlegen. Sondern, weil sie unsern Blick nach vorn richten. Auch morgen am Totensonntag, wenn die Menschen auf die Friedhöfe gehen. Die Gräber können uns daran erinnern: Da ist mir jemand vorausgegangen. Wer gestorben ist, ist längst bei Gott angekommen.
PFARRERIN HEIDRUN DÖRKEN, FRANKFURT/MAIN
Verein zur Förderung der Deutschen Friedhofskultur e.V.
Robert-Koch-Straße 33 - 46325 Borken
http://www.vffk.de
