Unsere kostenlose Service-Rufnummer

0800 / 15 16 17 0

Erfahrungsbericht (2): Günther Naum ist Journalist eines Seniorenmagazins. Hin und wieder wird er von Bekannten gebeten, ihnen in Sterbefällen zur Seite zu stehen und notwendige Formalitäten zu erledigen. Vor kurzem wurde Herr Naum von einer guten Freundin, Angelika Kirsch, angesprochen. Ihr Mann war am Vortag verstorben. Sie erklärte ihm, dass ihr Mann und sie sich gegenseitig versprochen hätten sich anonym beisetzen zu lassen. Der Überlebende solle nicht wissen wo der Verstorbene seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Bevor Günther Naum alle Formalien erledigte, erkundigte er sich, ob ihr Ehemann wirklich anonym beigesetzt werden soll. Frau Kirsch bejahte dies, da sie das gegenseitige Versprechen nicht brechen wollte. Am Tage der Beisetzung fragte er ein letztes Mal, ob es bei der anonymen Beisetzung bleiben soll. Doch Frau Kirsch hielt an Ihrem Entschluss fest. Die Urne wurde anonym, d.h. ohne die Anwesenheit von Angehörigen, beigesetzt.
Bereits zwei Wochen nach der Beerdigung rief Angelika Kirsch ihren Bekannten an und bat ihn, sich zu erkundigen, wo genau ihr Mann beigesetzt wurde. Sie brauche einen Ort an dem sie ihre Trauer verarbeiten kann. Leider musste Herr Naum ihr erklären, dass die Friedhofsverwaltung den Ort der Beisetzung nicht bekannt gibt und die Urne auch nicht in eine andere Grabstelle umgebettet werden kann. Seither bereut Sie Ihren Entschluss zutiefst und sagt: "Ich würde nie wieder jemanden anonym beisetzen lassen".

Die Friedhofssatzung verbietet in den meisten Fällen, Blumenschmuck auf einem anonymen Grabfeld abzulegen. Hintergrund ist der erhöhte Arbeitsaufwand bei Mäharbeiten auf den Rasenflächen. Lediglich an der Gemeinschaftsstele, soweit sie vorhanden ist, dürfen Sträuße, Schalen oder Gestecke niedergelegt werden.

Gemeinschaftsstele

Gemeinschafts- stele: nur hier darf Blumen- schmuck abgelegt werden.

Wie beschrieben, ist es den Angehörigen nicht gestattet, Blumenschmuck auf den anonymen Grabfeldern niederzulegen. Daher suchen sie eine andere Form, wie sie ihre Zuneigung und Fürsorge den Verstorbenen gegenüber ausdrücken können. Sie errichten am Rande der anonymen Felder so genannte Ersatzgrabstätten. Dies zeigt eindrucksvoll, dass Verlangen der Hinterbliebenen nach einem festen Ort der Trauer, einer individuellen Grabstätte. Im Folgenden sehen Sie einige Beispiele für Ersatzgrabstätten:

Ersatzgrabstätte
Ersatzgrabstätte

"Martina - In Liebe Mama und Papa"

Wort zum Sonntag vom 19.11.1994:

Ein leeres Rasenfeld. Kein Stein, kein Kreuz, kein Name zeigt, dass Menschen hier begraben liegen. Das gibt es immer mehr auf unseren Friedhöfen, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer:
ANONYME BESTATTUNG.
Ich weiß: Wer namenlos beerdigt wird, hat das zu Lebzeiten selbst bestimmt und so gewollt. Klar, es gibt ja Gründe: manche haben niemanden mehr. Auch die Kosten für die Bestattung spielen eine immer größere Rolle. Aber vor allem die Einstellung:
"Ich will doch niemanden zur Last fallen."
Ich versteh´ das alles. Und ich find´s trotzdem nicht gut. Kein Mensch ist doch so gering, dass er von sich denken darf: "Nichts soll an mich erinnern."

Wie wir mit Sterben und Tod und dem Begräbnis umgehen, sagt eben viel darüber aus, wie wir leben, wie wichtig uns andere Menschen sind und wie wertvoll mein Leben ist. Ein ordentliches Grab hat deshalb für mich etwas mit Menschenwürde zu tun.

Nicht dass wir uns falsch verstehen: Ich will ja nicht, dass wir Pyramiden errichten wie für eine ägyptischen Pharao. Es gab und gibt um Tod und Beerdigung viel Prunk und Unnützes. Da sind wir zum Glück nüchterner geworden, gerade als Christinnen und Christen. Der Gott des Lebens will ja keinen Totenkult. Und die Liebe der Hinterbliebenen misst sich nicht an einem teuren Sarg oder an aufwendiger Grabpflege.

Aber: Ins andere Extrem zu verfallen, überhaupt keinen Ort zu haben zum Trauern, das ist auch verkehrt. Wer kein Grab will, der versucht, glaube ich, Schmerz zu vermeiden. Ein Grab ist ja das deutlichste Zeichen, dass ein Leben zu Ende gegangen ist, dass ich Abschied nehmen muss. Trauern tut weh. Und das können wir nicht verhindern.

Das Grab ist vielleicht der Ort, wo ich diesen Schmerz auch zulassen kann, wo es mir niemand übel nimmt, wenn die Tränen fließen. Trauern ist nicht mit der Beerdigung erledigt, das dauert Wochen und Monate, manchmal Jahre.

Wir brauchen diesen Ort für uns: um innezuhalten, um loszulassen, um uns zu erinnern. Wenn ich am Grab stehe, dann fühle ich noch mal Glück und Last mit dem Menschen, der mir nahe war. Mir wird klarer, was mit mir geht von dem, was wir gemeinsam erlebt haben. Vielleicht kann ich verzeihen, endlich. Und mich freigesprochen fühlen von dem, was zwischen uns offen blieb.

Natürlich weiß ich, dass Gräber Menschen auch festhalten können. Dass sie gebannt zurückschauen und dabei erstarren. Dieser Zusammenhang von Nicht-Loslassen-Können und Erstarren wird am Anfang der Bibel ganz drastisch ausgemalt. Da ist eine Frau, die kann ihren Blick nicht von der Vergangenheit abwenden und da erstarrt sie zu einer Säule, wird zur "Salzsäule". Sie schaut zurück, ist geradezu gebannt von Leid und Tod der Menschen, mit denen sie zusammengelebt hat. Dadurch wird sie unfähig, ihren eigenen Weg weiterzugehen. Vielleicht kennen Sie die Geschichte von Lot´s Frau.

Also: Gräber sind wichtig. Aber nicht weil sie uns auf die Vergangenheit festlegen. Sondern, weil sie unsern Blick nach vorn richten. Auch morgen am Totensonntag, wenn die Menschen auf die Friedhöfe gehen. Die Gräber können uns daran erinnern: Da ist mir jemand vorausgegangen. Wer gestorben ist, ist längst bei Gott angekommen.

PFARRERIN HEIDRUN DÖRKEN, FRANKFURT/MAIN

Verein zur Förderung der Deutschen Friedhofskultur e.V.
Robert-Koch-Straße 33 - 46325 Borken
http://www.vffk.de